Welche Folgen hat ein emotionales Patt in Beziehungen
Die Beschreibung einer scheinbar ausweglosen Beziehungssituation mit vielen Chancen
Nach David Schnarch kommen Paare gerne an diese Grenzen und erkennen leider die Chancen dieser Beziehungsphase nicht.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Was bedeutet es in einem emotionalen Patt gelandet zu sein?
Wenn Beziehungskonstellationen in einem emotionalen Patt gelandet sind, erleben sie ihre Beziehung als festgefahren, beide sind irgendwie innerlich blockiert, die Streitigkeiten nehmen zu und in der Regel haben die Beteiligten das Gefühl: „ich kann da nicht nachgeben, sonst verrate ich mich selbst“. Obwohl beide meist Nähe wollen, haben sie das Gefühl, dass der andere sich aber ändern sollte. Leider fühlt sich das dann an wie Stillstand mit ständiger Spannung, und manchmal auch wie resignierter Rückzug oder eskalierender Rosenkrieg.
Wann gibt es eine emotionale Pattsituation?
Emotionale Patts gibt es dann, wenn beide Partner noch nicht wirklich ausgereift sind, zumindest teilweise noch in alten Mustern stecken, die innere Stabilität fehlt, und noch nicht hinreichend „selbst-differenziert“ sind. Die Folge ist ein Muster von emotionaler Abhängigkeit und der Bestrebung sich zugleich autonom fühlen zu wollen. Es besteht Angst, die eigene Autonomie zu verlieren, wenn man sich auf „zu viel“ Nähe einlässt. Dadurch bleiben beide wie erstarrt und kommen irgendwie nicht weiter, sehnen sich nach mehr Verständnis vom anderen und Konflikte beschreiben den Alltag. Da sich viele Artikel derzeit das Thema Narzissmus auf die Fahnen geschrieben haben, heißt der gern verwendete Vorwurf: „Sie/Er ist doch ein Narzisst“. Damit scheint dann alles gut diagnostiziert und alles ist gesagt, zumindest ist der Konfliktgrund klar und gerechtfertigt und dämmt mögliche eigene Schuldgefühle ein, denn der andere ist ja irgendwie echt krank.
Die Deutung dieser Situation und eine Lösungsrichtung
Keiner der beiden ist krank. Ein emotionales Patt ist in einer Beziehung eine gewollte Grenze, an der sich die Beziehung und jeder selbst weiterentwickeln und wachsen, also reifen kann. David Schnarch spricht sogar von „evolutionär gewollt“, da sonst keine Entwicklung auf ein höheres Niveau geschieht.
Reife geschieht, wenn…
- man innerhalb einer Beziehung seinen eigenen Raum gut halten kann
- man sich traut die eigenen Ängste wahrzunehmen
- man die eigenen Emotionen selbst regulieren kann, ohne dies vom Partner zu erwarten
- man den Partner nicht verändern will, sondern vielleicht sogar neugierig ist, auf sein Anderssein
Und keiner sagt, dass dies einfach ist. Die größten Fallstricke jedoch, um sich nicht in diesen Entwicklungsprozess begeben zu müssen, sind meiner Erfahrung nach…
- eine Harmoniegefälligkeit, durch die man Gleichheit herstellen will
- das Vermeiden eigene Ängste wahrzunehmen und diese zu regulieren
- den anderen verändern zu wollen
- alles gemeinsam lösen zu wollen
Die Alternative dazu wäre also…
- nicht in die Harmoniefalle zu tapsen, sondern zu wissen, dass jeder Mensch „seine eigene Welt haben darf“ und darauf neugierig zu sein
- den eigenen Ängsten in die Augen zu schauen und diese individuell und mutig anzugehen, was auch traumanahe Erlebnisse miteinschließt
- sich selbst auf einen Veränderungsweg zu begeben und die Freiheit zum Risiko mutig wahrzunehmen, die neue Wege beinhaltet
- individuell nach Lösungen zu suchen, ohne dadurch die Beziehung gefährdet zu sehen
Das bedeutet also auch Spannungen auszuhalten und eine gute „Ellipsenbewegung“ zwischen „Selbstsein“ und „in Beziehung sein“ zu genießen. Das heißt auch seine Macht wieder zu sich zu holen und diese nicht an den anderen durch „du bist an meinem Leid schuld“ abzugeben.
Und welches Verhalten macht in Konfliktsituationen Sinn?
- abwarten und hören können, ohne Antworten parat haben zu müssen – das, was da ist, erstmal so stehen zu lassen und zu sich zu kommen…
- sich keinesfalls auf ein „Schuld-Rechtfertigungs-Spiel“ einzulassen…
- keinesfalls das „Du-hast-aber-damals-gesagt-Spiel“ mitspielen, sondern auszusteigen und lieber bei sich zu bleiben…
- ruhig bleiben und für sich klar werden und zu wissen „der andere hat nicht die Macht meinen Zustand zu verändern, sondern ich habe Macht über meinen Zustand“…
- Kompromisse erst dann eingehen, wenn jede Person genügend Selbststand hat, sonst wird der Kompromiss ein fauler…
Bleib dem auf der Spur …
„Ich brauche den anderen,
weil ich ihn liebe!“
… statt:
„Ich liebe den anderen,
weil ich ihn brauche!“
Gerhard Gigler
