• 0170 / 4637006
  • info@intaka.de

    Das freie Element in der Systemischen Aufstellungsarbeit

    Eine Betrachtung seiner Rolle, Funktion und Bedeutung

    von Christine Seufert

    Mich fasziniert die Arbeit mit Systemischen Aufstellungen. Für mich sind sie eine bewährte Methode, um verborgene Dynamiken in unterschiedlichen Systemen sichtbar zu machen. Und dabei geht es sowohl um die Wechselwirkungen in Familien, in Nachbarschaften, Organisationen oder anderen sozialen Gefügen. Durch das räumliche Darstellen von den Wechselwirkungen zwischen Personen, inneren Anteilen, Elementen aus Projekten, Gefühlen, Beziehungen und anderen Teilen werden neue Einsichten gewonnen, die zur Lösung von Konflikten und zur Förderung von Entwicklung beitragen – und das sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext. Ich nutze im Prozess einer Systemaufstellung gerne das „freie Element“. Oft bringt dieses freie Element den Schlüssel für die Veränderung oder es kann etwas sichtbar werden, was bis dahin nicht gesehen werden konnte.

    Das freie Element steht also für etwas in der Aufstellung, das bisher nicht wahrgenommen werden konnte und keine bewusste Rolle gespielt hat. Im Gegensatz zu den gestellten Repräsentanten für Personen oder Elemente in einer Aufstellung ist dem freien Element keine Rolle zugeordnet. Die Rolle zeigt sich in der Dynamik der Aufstellung. Während andere Stellvertreter:innen beispielsweise für bestimmte Familienmitglieder, Kolleg:innen oder Aspekte stehen, bleibt das freie Element bewusst undefiniert. Es kann sich frei im Feld bewegen und wird entweder vom Aufsteller oder den Teilnehmern intuitiv eingesetzt oder findet seinen stimmigen Platz im System.

     

    Wann setze ich das freie Element in einer Aufstellung ein?

    • Das freie Element kann wie ein „Sensor“ wirken und Wechselwirkungen erspüren, die von den festen Rollen nicht erfasst werden.
    • Durch die Ungebundenheit des freien Elementes können neue Perspektiven und bislang verborgene Aspekte in die Aufstellung eingebracht werden.
    • Oft steht das freie Element für etwas, das noch nicht benannt oder erkannt wurde – etwa eine Ressource, ein blinder Fleck oder eine systemische Kraft.

     

    Zwei Beispiele aus der Praxis:

    In einer Aufstellung zu einer Dynamik in einer Familie, in der es darum ging, dass die Oma (Mutter der Mutter) eine große Rolle spielt und ihre Tochter „sehr besetzt“ für ihre Ideen und Bedürfnisse war erst viel Dynamik zwischen den beiden und dem Element, das für das Lebensthema der Oma stand. Die Mutter konnte sich ihren Kindern und ihrem Ehemann nicht zuwenden, sondern war immer wieder im Feld der Oma und deren Thema. Das freie Element bewegte sich erst frei in der Aufstellung und stellt sich zu einem der Kinder, stärkte diesem Kind den Rücken und sagte: „Hier gehöre ich hin. Das ist mein Platz.“ Und das Kind sagte, dass es ich jetzt vollständig fühle. Mutter, Vater, die Kinder veränderten ihre Stellung so, dass sie sich zuwenden konnten, sich anschauen konnten, ihre Verbundenheit spüren konnte. Als ich das freie Element fragte, wer sie denn sei, bekam ich zur Antwort: „Ich bin die Zwillingsschwester und konnte nicht leben. Jetzt werde ich gesehen und gehöre dazu.“ Die Integration des nichtgeborenen Kindes machte die entscheidende Veränderung im System möglich.

    Beim zweiten Beispiel handelt es sich um eine Organisationsaufstellung, in der das Thema war, dass in dieser Einrichtung im pflegerischen Bereich das Thema „Unverbindlichkeit“ eine Rolle spielt, die niemand versteckt. Beim Implementierung von neuen Projekten arbeitete die Leitung immer zusammen mit allen Verantwortlichen auf den unterschiedlichen hierarchischen Ebenen. Erst wenn der Nutzen der neuen Vereinbarung, des neuen Projektes von allen gesehen wurde und alle einverstanden waren, wurde das umgesetzt. Und trotzdem blieb die Unverbindlichkeit. Auf dem Weg in die einzelnen Abteilungen verschwanden die neuen Vereinbarungen in irgendwelchen „schwarzen Löchern“. Zu erklären war das nicht. In der Aufstellung zu diesem Thema hatten wir alle möglichen Elemente aufgestellt, die für erfolgreiches Projektmanagement wichtig waren. Sie spielten nicht wirklich eine Rolle. Aber das freie Element hat sich ganz nah an die Unverbindlichkeit gestellt und immer wieder gesagt: „Du bist in unserer Einrichtung die wichtigste!“ Alle hatten Fragezeichen im Kopf. Auf meine Frage, wer das freie Element denn sei, sagte es: Ich bin der Lebensschutz und ich bin schon 70 Jahre alt.“ Erst waren da noch Fragezeichen bei den Zusehenden. Und gleichzeitig wurde klar, dass die Unverbindlichkeit der Mitarbeiter:innen vor 70 Jahren (die Aufstellung ist ca. 10 Jahre her), möglich gemacht hat, dass Menschen in dieser Einrichtung überlebt haben in der Zeit des Dritten Reiches, in der es in dieser Einrichtung Menschenversuche und Euthanasie gab. Die Würdigung dieses Lebensschutzes mit seiner lebenswichtigen Aufgabe machte eine Veränderung in der Umsetzung der Projekte möglich.

     

    Ich erlebe den Einsatz eines freien Elementes in einer Aufstellung oft überraschend, klärend, mit dem Entdecken dieses Elementes und was es bewirken will, welche Aufgabe es im entsprechenden System übernimmt, entsteht eine Lösungsidee. Gebundene Energie wird frei, Blockaden lösen sich auf. So kann also das freie Element in einer Aufstellung beispielsweise für eine Energie, ein Gefühl oder eine noch nicht identifizierte Person stehen. So kann es vorkommen, dass das freie Element plötzlich eine starke Verbindung zu einem anderen Stellvertreter spürt, was auf eine verborgene Beziehung oder einen ungelösten Konflikt hindeutet. In Organisationsaufstellungen wird das freie Element oft genutzt, um innovative Lösungsansätze oder noch nicht berücksichtigte Einflüsse zu integrieren.

    Das freie Element ist ein vielseitiges Element in der Systemischen Aufstellungsarbeit. Es eröffnet neue Räume für Erkenntnis und Veränderung, kann aber auch herausfordernd in der Handhabung sein. Wer sich auf das freie Element einlässt, profitiert von einer tieferen, ganzheitlichen Sicht auf komplexe Systeme und deren Wechselwirkungen. Für mich ist es in dieser Arbeit ein unverzichtbarer Bestandteil, um die Potenziale der der Aufstellungsarbeit voll auszuschöpfen.

     

    Wenn Du Interesse an einer Ausbildung zum Systemischen Coach hast bzw. Fragen dazu, dann melde Dich gerne bei uns. Im Januar startet die nächste Ausbildung.

    Gerhard 0170/4637006 – gerhard.gigler@intaka.de oder
    Christine 0171/3282212 – christine.seufert@intaka.de

    Login to your Account